Jahresbericht Nr. 42 von 1911:

 

·       Auch im abgelaufenen Jahre hielten fest an dem Bestreben, zu helfen, wo wir helfen können, gefallenen, aber besserungsfähigen Menschen die rettende Hand zu reichen und dadurch nicht nur wohlangebrachte Wohltätigkeit zu üben, sondern auch das Gemeinwohl zu fördern. Fern davon, unterschiedslos jeden Bestraften zu unterstützen und damit gewissermaßen eine Prämie auf Verbrechen zu setzen, beschränkten wir unsere Tätigkeit vornehmlich auf diejenigen Fälle, in welchen Aussicht bestand, daß unsere Fürsorge von Erfolg begleitet sei.

·       Wenn wir in unserer Arbeit an den entlassenen Gefangenen Enttäuschungen erleben, so geht es  uns nicht anders, als den Entlassenen selbst, Wie viel Enttäuschung müssen die oft erleben! Hoffnungsfreudig sehnen sie den Tag der Entlassung herbei, voll guter Zuversicht blicken sie in die Zukunft, von der wiedererlangten Freiheit erwarten sie alles Glück. Und wenn nun der Tag der Freiheit angebrochen ist, wenn die Tore des Gefängnisses sich ihnen aufgetan haben, wie ganz anders sieht es da oft aus! Entlassen – verlassen! Seufzt da mancher, wenn er erfährt, wie nicht nur Türen, sondern auch Herzen ihm verschlossen bleiben, bei denen er offenen Eingang zu finden gehofft hatte mit seinen Fragen und Klagen, mit seinen Sorgen und Anliegen, wenn er vergeblich und immer wieder vergeblich um Arbeit nachfragt, wenn die Mittel zum Unterhalt des Lebens zur Neige gehen, wenn zur Arbeits- und Obdachlosigkeit auch noch der Hunger sich gesellt. Wie oft bricht dann dieses Gefühl des Verlassenseins dem Entlassenen den letzten schwachen Halt seiner guten Vorsätze...

 

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