|
Jahresbericht Nr. 31 von 1900:
Daß die Zahl der jugendlichen Verbrecher seit Jahren betrübend und geradezu bedrohlich zugenommen hat, ist eine bekannte Thatsache. Wir haben an unserem Theil nach Kräften dagegen gewirkt, indem wir stets eine erhebliche Anzahl jugendlicher Bestraften in Rettungsanstalten oder in Lehr- und Dienststellen untergebracht haben und zu ehrbaren Menschen haben erziehen lassen.....Aks eines erfreulichen Beispiels sei hier des Jünglings gedacht, der durch unsere Vermittlung Schiffsjunge auf einem Bremer Segelschiff wurde und von Singapore am 13. April 1899 an den Gefängnißgeistlichen in Preungesheim Herrn Pfarre Reuß folgendes schrieb:
Am 21. Juni sind wir mit unserem schönen Schiff glücklich in Singapore angekommen. Wir hatten von England bis hierher 121 Tage gesegelt, ohne viel Landgesehen zu haben, und ich freute mich wirklich nach so langer Zeit den Fuß einmal wieder auf festes Land setzen zu können... Hier in Singapore ist es entsetzlich heiß, aber in großen schattigen Alleen und Anlagen findet man erquickenden Schatten... Ich freue nur erst wieder, wenn die Zeit da ist, wo wir die Segel spannen, denn es ist doch tausendmal schöner sich mit Wind und Wetter schlagen als an Land bummeln oder gar in Preungesheim sitzen und Düten kleben oder Kaffee belesen. Bei mir geht Alles wohl und ich kann mir nichts Schöneres als Seemann denken. Viele Grüße! Ihr dankbarer Schüler K.
Weibliche Bestrafte finden neuerdings außer in Rettungshäusern und Magdalenenstiften auch in Frauenheimen liebevolle und förderliche Unterkunft; auch wir hatten im vergangenen Jahre neben 25 Mädchen, denen wir in Anstalten der ersten Art Körper- und Seelenpflege angedeihen ließen, 16 Pfleglinge in dem am 1. Mai 1899 eröffneten „Frauenheim Elisabethenhof“ in Eckenheim, das sich unter der zielbewußten Leitung seines Vorstehers Herrn Pfarrer Umbeck sowie von dessen Gattin erfreulich entfaltet hat und segensreich wirkt, dabei besonders für solche Fälle werthvoll ist, die sich für die anderen bezeichneten Anstalten nicht eignen.
Der im letzten Jahresbericht erwähnte Fall eines hier mittellos entlassenen Untersuchungsgefangenen veranlaßte die Staatsanwaltschaft gegen Diesen wegen Betruges vorzugehen und wirklich wurde er denn auch deshalb zu 6 Monaten Gefängniß verurtheilt. Wir waren in kaum für denkbar gehaltener Weise von ihm getäuscht worden und entnahmen aus den entstandenen Verhandlungen die Thatsache, daß die Justizverwaltung auch entlassenen Untersuchungsgefangenen durch Gewährung von Fahr- und Zehrgeld die Rückkehr an ihren Wohnort ermöglicht.
Der Vorstand des Gefängnisvereins war dennoch in der Regel nicht blauäugig, als der Vorstand des Asylvereins für Obdachlose 5000 Mark zu den Gründungskosten und einen größeren Jahresbeitrag für ein Obdachlosenasyl haben will, lehnt er das unter den vorgegebenen Bedingungen ab:
Die menschenfreundliche Absicht bei Gründung des Asyls erkennen wir willig an, nicht abr die Fassung der Satzungen, welche bestimmen, daß kein Eintretender nach Name und Herkunft gefragt werden dürfe, daß vielmehr Jeder ohne Weiteres mehrmals monatlich das Recht habe das Asyl als Gast zu benützen und zwar ohne jede Gegenleistung. Wir fürchten, daß dadurch weit weniger Solchen, die der Unterstützung bwürdig sind, als Solchen, die es nicht sind, eine Zuflucht gewährt und die Absicht Vergehen zu verhindern nicht erreicht wird, daß im Gegentheil mancher arbeitsscheue und liederlich Mensch, der nebenbei vielleicht triftigen Grund hat seinen Namen nicht zu nennen, sich die Gelegenheit zu Nutz machen wird, um einige Tage umsonst hier unterzukommen und das in der freien Tageszeit erbettelte oder unrechtmäßig erworbene Geld zu vertrinken oder sonst zu verthun, braucht er doch für sein Nachtlager und für die dabei gewährte Verpflegung nicht zu sorgen.
Im Januar des vorigen Jahres ist eine Auskunftsstelle der hiesigen Vereine für Armenpflege und Wohlthätigkeit ins Leben getreten, welche den Zweck verfolgt die Verhältnisse der Bittsteller zu ergründen und laufend zutreffende Auskunft über sie geben zu können, auch zu verhindern, daß die Wohltätigkeit mißbraucht, besonders durch gesuche an mehrer Stellen zugleich ausgebeutet werde. Wir haben uns in Anerkennung dieser Absichten dem Bund angeschlossen und erhoffen von ihm eine Besserung vielmals beklagter Mißstände.
zurück |