Jahresbericht Nr. 27 von 1896:

 

·       Rettungshaus für konfirmierte Knaben

·       Zufluchtshaus für ortsansässige Obdachlose – Armenverein und Gefängnisverein und   städt. Arbeitsvermittlung

·       Frauenheim (Gerbermühle)

·       Trunksucht

·       StGB: Kurzstrafen werden in Frage gestellt

·    Beitrag für Ausbildung weiblicher Gefängnis-aufseherinnen

·      „Ersatzfreiheitsstrafe“

·      Jugendliche Pfleglinge: Pflanzen, die lieblich sprossen

·      Darlehen für Aufbau einer Existenz von Entlassenen werden gezahlt

·      Unterstützung von Familien (Vereinbarung mit Armenamt)

·      Zentralstelle für Gefängnisvereine, Leitung durch Frankfurter Gefängnisverein wird abgelehnt

·      Zuschuss der königlichen Regierung in Wiesbaden von 100 Mk wird nicht mehr gezahlt, weil verminderte Zinseinnahmen und Bedürfnisse an anderen Stellen:Ausdrücklich sind wir bei dieser Gelegenheit des unverminderten Wohlwollens der hohen Behörde versichert worden.

·      Wir empfehlen den Verein der warmen Theilnahme edler Menschen und dem Segen des Allerhöchsten

·      Zufluchtstätte für weibliche Haftentlassene ist geplant.

·     Arbeitsentgelder von Strafanstalt wurden für hierher Entlassene zur Verwaltung überwiesen.

·      Entlassenen zu einer neuen Erwerbsstellung verhelfen: die dornenvollste und unergiebigste Vereinsarbeit.

·      Verbringung von Verbrechern aus Deutschland in dessen Kolonien

·      Bockenheim dazu

·      Hilfe für Familien, deren Haupt dem Gefängniß verfallen war, hat zugenommen   

Appell an Gefängnisvereine, für die Haftentlassenen im Einzugsbereich des Vereins aufzukommen.

 

Das im vorjährigen Bericht erwähnte Vorhaben einRettungshaus für konfirmierte Knaben in unserer Nähe zu errichten sieht seiner Verwirklichung entgegen. Ein Anwesen inDillenburg ist dafür ausersehen worden und soll am 1. Mai d. J. der Benutzung übergeben werden. Ein verheirateter Hausvater wird den Jungen ein geregeltes Familienleben vermitteln und die im Städtchen und in dessen nächster Umgebung mannigfach vorhandene Arbeitsgelegenheit soll sie an Arbeit und Ordnung gewöhnen.

Ferner ist ein Zufluchtshaus für hier ortsangehörige Obdachlose im Entstehen begriffen. Das Armenamt gedenkt mit Hülfe von Menschenfreunden, wozu in erster Linie der Armenverein und der Gefängnißverein gerechnet werden gerechnet werden, ein solches Haus in der Altstadt zu errichten unfern von der sich immer mehr als segensreich erweisenden und ihre Thätigkeit ausdehnenden städtischen Arbeitsvermittlungsstelle.

In ähnlicher Weise soll das vom hiesigen Verein zur Hebung der Sittlichkeit geplante Frauenheim (wofür die Gerbermühle in Aussicht genommen ist) weiblichen Personen jeder Art – also auch Bestraften -, die augenblicklich ohne Obdach und Arbeit einer Stütze oder auch weiterer Erziehung und Ausbildung bedürfen, Aufnahme gewähren.

Die engen Wechselbeziehungen zwischen Trunksucht und Verbrechen sind eine unwiderlegliche Thatsache. 18.2 vom Hundert der Insassen preußischer Zuchthäuser am 1. April 1894 waren dem Trunk ergeben und 15,7 vom Hundert derselben hatten die Verbrechen, wegen deren sie verurtheilt waren, in der Trunkenheit begangen... Mit Freuden haben wir daher einer Anregung in den Mittheilungen des deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke stattgegeben, in welcher eine regelmäßige Verbreitung von Mäßigkeitsschriften in Zuchthäusern, Gefängnissen und Strafarbeitshäusern in Aussicht genommen und um entsprechende Geldunterstützung gebeten wurde.

Von der hohen erziehlichen Bedeutung durchdrungen, welche sachgemäß vorgebildete Gefängnißaufseherinnen für die weiblichen Bestraften haben, fanden wir uns abermals veranlaßt einen Beitrag für diesen der allgemeinen Förderung werthen Zweck zu bewilligen.

Zu den von der internationalen kriminalistischen Vereinigung erstrebten Aenderungen des Strafgesetzbuches gehört die, daß künftighin weit weniger häufig als bisher auf kurzzeitige Freiheitsentziehung erkannt werde, da diese als Strafe sich nur wenig wirksam erweist, dagegen nachtheilige Folgen mit sich führt, welche oftmals außer allem Verhältniß zu dem zu fühlenden Verschulden stehen.

Nur wenige entfernten sich vorzeitig oder verdarben durch eigene Schuld, was von Besserung an ihnen erzielt worden war. Wenn man sich die so trüben häuslichen und Familien=Verhältnisse der Betreffenden vergegenwärtigt, in denen oft sie aufgewachsen sind, so wird man von innigem Mitleid für sie erfüllt und kann das zuweilen schnellfertige Aburtheilen eines solchen Wesens im alltäglichen Verkehr nur höchst ungerecht und lieblos finden. Viele schöne Erfolge unseres Eingreifens in dieser Hinsicht scheinen vielmehr zu beweisen,
daß diese Pflanzen längst hätten lieblich sprossen und blühen können, wenn rechtzeitig ein freundlicher Sonnenschein ihnen gelächelt und eine verständige Gärtnerhand sich ihnen gewidmete hätte.

Der Zuschuss, welchen die kgl. Regierung in Wiesbaden eine längere Zeit hindurch mit M. 100,- jährlich uns überwiesen hat, wird seit dem verflossenen Jahre nicht mehr geleistet, weil verminderte Zinseneinnahmen und erhöhte Bedürfnisse auf anderen Gebieten es uns möglich machen.

 

„Die soziale Wichtigkeit eines Vereins, wie der unsrige, ist unberechenbar groß.“

Dr. Ponfick
 

 

 

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