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Jahresbericht 1870
Wir besitzen in Frankfurt einen reichen Kranz von Stiftungen und Anstalten zur Heilung und Linderung von geistigen und leiblichen Uebeln mannichfacher Art; reiche und wohlverwaltete Armenkassen, Asyle für Waisen und hülflose Alte, musterhafte Spitäler, - daneben eine Fülle von öffentlichen und Privat-Anstalten und Vereinen, welche sich die Pflege alles Dessen zum Ziel gesetzt haben, was des Menschen Leib und Seele veredeln kann. So mag denn, als wir zusammentraten, unserm Verein zu gründen, mancher gedacht haben: „wozu noch ein neuer Verein, und noch dazu zu solchem Zweck; bauet aus, was bereits gegründet ist, da habt ihr genug zu thun. Und doch ist es uns alsbald nach Beginn unserer Thätigkeit recht klar geworden, daß dieser neue Verein einem wahren Bedürfniß entsprungen ist, daß er eine rechte Lücke in der Reihe unserer Stiftungen ausgefüllt hat.
Gegenüber dem sittlich Verwahrlosten, dem Gefangenen, dem Verbrecher galt in früherer Zeit lediglich das Gesetz der Rache: das Schwert des Rachrichters, die Folter, der schaudervollste Kerker waren die einzigen Heilmittel, welche man dem Überhandnehmen der Sittenverderbniß und des Verbrechens entgegen setzen zu dürfen glaubte.
[...] der Verbrecher wird nicht mehr blos als ein Feind der menschlichen Gesellschaft angesehen, den man mit allen Mittel bekämpfen und womöglich vernichten muß, auch in ihm erblickt man jetzt einen Unglücklichen, einen Kranken und Schwachen, krank an einem fehlerhaften Willen, schwach an sittlicher Kraft. [...] er bedarf des Mitleids, der Pflege, und wenn es auch unter dieser Klasse von Kranken Unheilbare gibt, so dürfen doch deßhalb die Heilbaren nicht im Stiche gelassen werden, nicht in der Nacht des geistigen und leiblichen Elends verkommen.
Nein! Nicht die verstockte Lust am Bösen, der Haß gegen Sitte und Gesetz ist es, welcher in den meisten Fällen Verbrecher erzeugt, sondern es ist in der Regel nur sittliche Schwäche oder äußere Verhältnisse oder beides zusammen, was die Unglücklichen zu Falle bringt und sie dem Gefängniß zuführt.
Die Regierungen haben denn auch die Wichtigkeit dieser Frage seit Decennien anerkannt und sich überzeugt, daß es nicht genüge, möglichst gute Anstalten zu begründen, um den Verbrecher zu entdecken und möglichst lange unschädlich zu machen, sondern daß es nothwenndig sei, die Gefängnisse so einzurichten, daß in ihnen die sittliche Heilung des Verbrechers erzielt werde. Solcher Überzeugung entsprang die Idee der Einzelhaft...
So Großes denn auch in solchen Anstalten zur Besserung der Gefangenen schon gewirkt worden ist, so beginnt doch die Gefahr für den Verbrecher, in seine frühere Laufbahn zurückzufallen, naturgemäß erst mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis
Um diese Ausführungen zu belegen, schildert Dr. Speyer zwei Einzelschicksale. In beiden Fällen konnte durch „Verbringung“ in eine Anstalt bzw. Vermittlung an einen „braven israelitischen Lehrer an der Bergstraße zur Erziehung“ geholfen werden.
Anton M., 16 Jahre, für sein Alter klein und unentwickelt, dagegen geistig aufgeweckt, war ein ständiger Bewohner der hiesigen Gefängnisse, in welchen er wegen Bettelns, Feldfrevels oder Landstreicherei detiniert werden mußte...
Wilhelm H., israelitischer Religion, aus einem benachbarten Dorfe, erst 10 Jahre alt, wurde von uns im hiesigen Gefängniß aufgefunden, dessen ständiger Kunde er war..
In der Generalversammlung vom 21. Mai 1869 konstituierte sich der Frankfurter Gefängnißverein als reiner Lokalverein, da ein Central-Gefängnißverein für den ganzen Regierungsbezirk Wiesbaden seine Tätigkeit gleich wieder einstellte.
Unseren Bestrebungen wurde alsbald von allen Seiten mit der größten Sympathie entgegengekommen. [...] Hiesige und auswärtige Königliche und städtische Behörden, insbesondere der hiesige Polizei = Präsident und der Magistrat unterstützten uns auf jede Weise
Im Ganzen sind 64 Falle von uns behandelt worden....Elf Individuen (worunter 8 jugendliche) haben wir auf unsere Kosten (theilweise mit Beihülfe von Gemeinden und Stiftungen) vollständig untergebracht. ...Wir haben ferner acht Familien, welche durch die Verhaftung ihres Ernährers in bittere Noth geriethen, die nötige Unterstützung gewährt... Alle diese Fälle waren höchst dringender Natur, die betreffenden Frauen hatten alle auch Kinder (in einem Fall deren 6). Endlich haben wir in weiteren 45 Fällen entlassene Gefangene mit Obdach, Kleidern und Geld (mit Letzterem nur ausnahmsweise) unterstützt, ihnen Arbeit nachgewiesen oder auch nur Rath und Anweisung erteilt...
Um die nachtheiligen Einwirkungen der Gefängnißhaft zu mildern, haben wir sodann eine Anzahl von geeigneten unterhaltenden und belehrenden Büchern für die Gefängnisse angeschafft und dadurch eine ansehnliche Bibliothek gegründet...
Es liegt in der Natur der Sache, daß unsere Bemühungen für die Besserung entlassener Gefangener nicht immer mit Erfolg gekrönt waren und daß wir nicht selten auch schmerzhafte Erfahrungen machen mußten...
1. Vorsitzender Polizeirath Dr. Speyer
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