FR-Interview mit Peter Zittier
vom 02.03.2004

"Der soziale Kahlschlag zeigt Auswirkungen"

Peter Zittier vom Gefängnisverein "Perspektivwechsel" befürchtet nach Kürzungen mehr Rückfälle

In "Perspektivwechsel e. V." hat sich der "Frankfurter Gefängnisverein von 1868" umbenannt. Damit verdeutlicht er, dass seine präventive Arbeit mehr Gewicht erhalten hat. FR-Mitarbeiter Björn Hadem sprach darüber mit Diplom-Pädagoge Peter Zittier von Perspektivwechsel.

FR: Das Jahr 2003 war geprägt von Einschnitten im sozialen Bereich - was bedeutet das für Ihre Organisation?

Peter Zittier: Unsere seit Jahren vom Hessischen Justizministerium geförderte Unterhaltung einer Wohnung für Haft- beziehungsweise Sozialurlauber in Höhe von 7000 Euro wurde gestrichen. Darüber hinaus hat das Sozialministerium seine Teilfinanzierung von 2600 Euro für "Betreutes Wohnen für haftentlassene Männer und Frauen" eingestellt. Der Verein erhält somit keinerlei Zuschüsse mehr vom Land Hessen.

Wenn Sie 2003 Revue passieren lassen, was waren die wichtigsten Ereignisse?

Wir haben unser 135-jähriges Bestehen mit einem Festakt gefeiert. Er verdeutlichte, dass der Verein seit mehr als einem Jahrhundert für die Belange von Gefangenen und deren Angehörigen eintritt. Doch die Schwerpunkte unserer Arbeit haben sich verändert: die präventive Arbeit ist in den Mittelpunkt gerückt. Daher haben wir den Namen auch in Perspektivwechsel geändert.

Haben Sie sich für 2004 schon größere Aufgaben vorgenommen, Ziele gesetzt?
 
Perspektivwechsel

Wir werden versuchen, das Angebot der Hafturlauberwohnung aufrecht zu erhalten. Die finanziellen Einbußen wollen wir über Spenden und Bußgelder auffangen, die die Justiz an uns weiterreicht. Außerdem wollen wir uns dafür einsetzen, dass sich die Haftbedingungen in Hessen verbessern. Wir fordern, dass das Resozialisierungsangebot wieder mehr Gewicht erhält. Unsere wichtigsten Aufgaben bleiben, betreutes Wohnen für junge Wohnungslose und Haftentlassene anzubieten sowie Gefährdete, Inhaftierte, Haftentlassene und deren Angehörige zu beraten.

Noch einmal zurück zu den Sparmaßnahmen im sozialen Bereich: Was könnte diese Entwicklung künftig bedeuten?

Der soziale Kahlschlag zeigt schon Auswirkungen. Das Beratungsangebot muss drastisch eingeschränkt werden und betrifft die Menschen, die ohne professionelle Hilfe auf der Strecke bleiben. Bei Betreuung und Beratung von Haftentlassenen wird bei rückläufigen Angeboten die Rückfallquote steigen. Das Unsicherheitsempfinden der Bevölkerung wird dadurch zunehmen. Der Ruf nach mehr Polizei und Überwachung öffentlicher Räume wird ebenso lauter werden wie der Ruf nach härteren Strafen.

Mehrere Jahre hatten die Mitglieder des Frankfurter Gefängnisvereins von 1868 über ihren Namen diskutiert. Dessen Angebot für betreutes Wohnen an junge Erwachsene sollte nicht länger die Assoziation an Gefängnisarbeit anhaften. Neun Wohnplätze bietet der daher in "Perspektivwechsel e. V." umbenannte Hilfsverein gefährdeten Menschen zwischen 18 und 25 Jahren, die häufig wegen Alkoholmissbrauchs, Drogen oder psychischer Auffälligkeiten Hilfe benötigen. Für bis zu fünf Personen, die aus der Haft entlassen worden sind, bietet "Perspektivwechsel" eine Wohnunterkunft für maximal ein Jahr an. Im selben Haus im Bäckerweg befindet sich die Beratungsstelle, in der drei hauptamtliche Mitarbeiter für Gefährdete, Haftentlassene, Inhaftierte und deren Angehörige Ansprechpartner sind. Entweder führen sie beratende Gespräche oder begleiten ihre Klienten bei Behördengängen. bjh

 

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