Frankfurter Allgemeinen Zeitung - Dienstag, 22.06.2004

"Nach der Haftentlassung bleibt oft nichts mehr als die Kleidung"

Verein "Perspektivwechsel" hilft bei der Resozialisierung

Als Matthias vor drei Jahren an der Tür des "Gefängnis-vereins" am Bäckerweg im Nordend klingelte, besaß der damals 39 Jahre alte Offenbacher nichts als seine Kleidung am Leib. "Zum Glück war es Sommer", erinnert er sich. "Und warm wie heute." So warm, daß er zwei Wochen in Frankfurter Parks oder in leerstehenden Fabrikgebäuden habe übernachten können. Dann erfuhr er vom "Gefängnis-verein". Hier finden Haft-entlassene ein Dach über dem Kopf, und die Mitarbeiter helfen Hilflosen bei der Wohnungs- und Jobsuche.
  Matthias (Name geändert) hatte vor drei Jahren gerade eine zweijährige Haftstrafe abgesessen. Er ist ein sogenannter Beziehungstäter. Schwere Körperverletzung lautete die Anklage, die Richter verurteilten ihn zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung. Schon früher war Matthias häufiger "aus-gerastet". Immer wenn eine Beziehung vor dem Ende stand, seine Freundinnen von Trennung sprachen, schlug er zu. So auch bei seiner bisher letzten Partnerin. "Das war der endgültige Blackout", sagt er. Im Gegensatz zu den vorherigen "Ausrastern" habe er diesmal nicht nur mit bloßen Händen zugeschlagen - Genaueres will Matthias nicht sagen. Inzwischen versteht er ein wenig, warum es mit ihm so weit gekommen ist, und glaubt zu wissen, daß ihm so etwas nicht mehr passieren werde. Während einer zweijährigen Therapie, die er im Gefängnis begonnen hatte, fand er in seiner Biographie die seiner Ansicht nach entscheidende Ursache für sein brutales Verhalten: Seine Mutter hatte ihn im Alter von zwei Jahren ins Heim abgeschoben.
  "Die Resozialisation von Menschen wie Matthias ist unser Ziel. Und das gelingt in vielen Fällen." Winfried Meißner arbeitet seit 18 Jahren als Sozialarbeiter im Gefängnisverein und hat nach eigenen Angaben schon mehrere hundert Ex-Häftlinge "sozialisiert". Auch Matthias hat er drei Jahre am Bäckerweg betreut. Ihm gesteht er einen "großen Fortschritt" zu. Konflikte, denen Matthias früher aus dem Weg gegangen sei, könne er jetzt gut lösen, befindet der Sozialarbeiter. Matthias habe mittlerweile Arbeit als Verkäufer bei der Caritas, eine Wohnung und sehe sich nach einem Praktikumsplatz um.
  Im Jahrhundertwendehaus am Bäckerweg stehen für frühere Häftlinge fünf Wohnplätze in Einzel-apartments zur Verfügung - die Kosten übernimmt zunächst das Sozialamt. Zudem gibt es neun Plätze für obdachlose Jugendliche und eine Hafturlauberwohnung. Fünf bis fünfzehn Leute kommen durchschnittlich in der Woche und erkundigen sich nach einem Domizil. Der Verein ist eine Institution in Frankfurt. Im Jahr 1868 von 25 engagierten Bürgern ins Leben gerufen, hat er sich laut Gründungsurkunde "die sittliche Besserung und die Milderung der Noth von Gefangenen und aus der Haft Entlassenen, sowie von Angehörigen derselben" zum Ziel gesetzt. Seitdem zählten viele prominente Frankfurter Bürger zu den Mitgliedern, unter anderen Ober-bürgermeister wie Daniel Heinrich Mumm von Schwarzenstein, Johannes von Miquel oder Franz Adickes. In den Mitgliederlisten tauchen zudem Namen von honorablen Großbürger-familien wie Rothschild, Ronnefeld oder Bethmann auf.
  Die Ziele haben sich seit Gründung kaum verändert: Heute kümmern sich drei hauptamtliche Mitarbeiter in dem Projekt "Betreutes Wohnen" um die Haft-entlassenen, helfen ihnen, ihren Alltag zu strukturieren, begleiten sie etwa auf Behördengängen oder geben Tips bei Bewerbungen. Einzig der Name "Gefängnisverein" sei nicht mehr zeitgemäß gewesen ("fast schon stigma-tisierend"), sagt Meißner, und so heiße er seit einigen Monaten "Perspektivwechsel". Für viele Klienten, wie die Mitarbeiter die Ex-Häftlinge nennen, gebe es hier eine Menge zu lernen, sagt Diplompädagogin Christina Baumann, die wie Meißner seit vielen Jahren für den Verein arbeitet. Zum Beispiel, daß Miete und Stromzahlung, Rundfunkge-bühren und die Telefon-rechnung vor Kino und Kneipe kämen. Einige der

Hausbewohner hätten beim Einzug nicht gewußt, wie man einen Kühlschrank abtaue oder wie Mülltrennung funktioniere, berichtet Baumann. Doch die ehemaligen Häftlinge müßten sich auch an Regeln halten. "Unter der Woche gibt es keinen Schlafbesuch, und Drogen sind tabu", so Baumann. Zudem ver-pflichteten sich die Bewohner dazu, Ziele zu erreichen, die in einem "Hilfeplangespräch" festgesetzt werden: etwa eine Wohnung zu suchen oder einen Paß zu beantragen. Drei Parteien, der Klient, ein Mitarbeiter des Sozialamtes und einer der Vereinsver-treter, unterschreiben diesen Vertrag. Matthias hatte anfangs Probleme, sich an die Regeln zu halten: "Nach zwei Jahren Haft hatte ich genug von Autoritäten", sagt der Einundvierzigjährige. Meißner kann das bestätigen. Es habe große Konflikte zwischen Matthias und ihm gegeben, aber mittlerweile habe dieser sich "ganz gut gemacht".
  Auch wenn Meißner seinem Verein eine hohe Erfolgs-quote bei der Reso-zialisierung bescheinigt, gibt es seiner Ansicht nach Mißstände im hessischen Strafvollzug. Seitdem Christean Wagner (CDU) das Justizministerium leite, sei das Ziel der Resozialisierung einem "überzogenen Sicher-heitsdenken" gewichen, be-klagt der Sozialarbeiter. "Die Haftbedingungen sind ver-schärft worden." Hafturlaub werde meist gar nicht mehr genehmigt, so daß eine erfolgreiche Entlassungsvorbereitung schwierig sei. Kürzlich habe ein Häftling Urlaub be-kommen, erinnert sich Meißner. Er sei mit Handschellen von einem Polizeibeamten an den Bäckerweg gebracht worden. Der Mann habe sich nur ein Zimmer anschauen wollen, einige Wochen später sei er entlassen worden - "das ist doch entwürdigend". Welche Chance habe ein Gefangener, wenn er sich etwa bei einem Arbeitgeber vorstelle und beim ersten Händedruck die Handschellen klirrten?
   Das Justizministerium weist die Vorwürfe zurück. Nach Angaben von Ministeriums-sprecher Klaus Scheuer wird jeder Gefange-

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"Die Haftbedingungen sind
verschärtf, Hafturlaub wird
kaum noch genehmigt."

Winfried Meißner, Sozialarbeiter

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ne auf die Entlassung vorbereitet, und zwar so, daß er in der Lage sei, ein Leben ohne Straftaten zu führen. "Es gibt verschiedene Pro-gramme, von vierwöchigen Seminaren bis hin zu Hafturlaub." Es werde immer im Einzelfall entschieden, welche Maßnahmen für einen Häftling in Frage kämen. Scheuer räumt jedoch ein, daß es auch sein könne, daß jemand vor seiner Entlassung keinen Freigang erhalte, wenn er nicht "lockerungsgeeignet" sei.

Meißner dagegen spricht von zahlreichen solcher Fälle. "Ohne Vorbereitung stehen die Leute nach der Entlassung vor dem Nichts." Die Wohnung von Matthias wurde während seiner Haft nach einer Räumungsklage leer-geräumt und weitervermietet ("Meine persönlichen Sachen habe ich nie wiedergesehen"). "Nach vier Wochen ist oft auch schon der Arbeitsplatz weg", fügt Meißner hinzu. Matthias habe in den zwei Jahren Haft keinen einzigen Tag Urlaub gehabt. Be-werbungsgespräche oder Wohnungssuche seien somit unmöglich gewesen. "Kein Einzelschicksal", sagt Meißner, "da kommt eines zum anderen." Die meisten Häftlinge stünden bei ihrer Entlassung mit leeren Händen da, ohne Arbeit und ohne Wohnung.
   Sozialarbeiter Meißner ist schon zu lange in seinem Beruf tätig, als daß er sich zu lauten Tiraden gegen die seiner Ansicht nach rigide Linie der Regierung hinreißen ließe. Doch eines weiß er: "Eine ordentliche Reso-zialisierung, die nur durch angemessene Vorbereitung auf die Entlassung möglich ist, führt zu einer geringeren Rückfallquote der Straftäter." Das sei auf lange Sicht billiger und vor allem sicherer für die Gesellschaft.
                
KIRSTEN PIEPER

 

 

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